Gut vorbereitet in die Berge

Eine Tour in den Alpen erfordert einige Kenntnisse und umsichtige Planung

Bergwandern oder Trekking von Hütte zu Hütte liegen voll im Trend. Nicht erst seit Corona zieht es immer mehr Menschen in die Natur, auch und gerade in die Alpen. Bergwandern ist seit Jahren die beliebteste Aktivität von DAV-Mitgliedern.

Eine Bergtour bietet großartige Erlebnisse – vorausgesetzt, sie ist gut geplant. Das erfordert neben Umsicht einige Kenntnisse, ist aber auch keine Geheimwissenschaft. Wer einige Grundsätze beachtet – die gelten übrigens, zumindest im Prinzip, für alle Arten von alpinen Unternehmungen – reduziert nicht nur die Risiken, sondern tut viel dafür, dass die Tour zum Vergnügen wird.

Die richtige Tour wählen

Vor jeder Bergtour steht als erstes eine Frage, die man sich ungeschminkt beantworten muss: Was kann ich? Habe ich die Kondition, die Ausdauer, die für diese Tour erforderlich ist? Ist das meine erste Tour im Jahr, bin ich richtig fit? Schaffe ich das technisch? Habe ich die Trittsicherheit, die ich brauche, um Stolperer und Ausrutscher zu vermeiden? Überhaupt, habe ich genügend alpine Erfahrung?

Solche Fragen sollte man sich ehrlich beantworten und mit allen besprechen, die mitkommen. Apropos: Zu mehreren auf Tour zu gehen, ist allemal sicherer, als alleine in den Bergen unterwegs zu sein. Schließlich ist selbst eine einfache Wanderung etwas anderes als ein Spaziergang im Stadtpark.

Orientierung, welche Schwierigkeiten eine Route bietet, schafft die Klassifizierung von Bergwanderwegen. So weiß man ungefähr, was auf einen zukommt. Im deutschsprachigen Raum hat sich weitgehend die „Schweizer Wanderskala“ durchgesetzt, die von T1 bis T6 reicht. Wer dort nachliest, erfährt zum Beispiel, dass für T3 „gute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit“ erforderlich sind: „Ausgesetzte Stellen können mit Seilen oder Ketten gesichert sein. Eventuell braucht man die Hände fürs Gleichgewicht.“

Aber schon der erste Punkt, das Thema Ausdauer, ist enorm wichtig, denn: Mangelnde Fitness ist eine der häufigsten Ursachen für Wanderunfälle, wie die jährliche Unfallstatistik des DAV zeigt. Wer nach dem Winter nicht fit in die Saison startet, riskiert mehr als nur müde, überanstrengte Beine.

Eine entscheidende Rolle spielt natürlich die Frage, wohin es geht, was man vorhat, wie das Gelände beschaffen ist. Für die Planung gibt es reichlich Hilfsmittel, zum einen Wander- und Bergführer, zum anderen immer mehr und immer bessere Informationen im Internet (siehe den Beitrag „Digitale Helfer“, Seite 18). Für Touren in der Schweiz beispielsweise haben sich Seiten wie schweizmobil.ch oder wandersite.ch bewährt, die verlässliche Informationen bieten.

Nur: Blind verlassen sollte man sich nicht auf diese Angaben. Wie anspruchsvoll eine Tour ist, welche Schwierigkeiten es gibt, welche Zeit zu veranschlagen ist – solche Angaben sind oft individuell gefärbt. Am sichersten ist es, auf eigene Erfahrungswerte zu vertrauen. Das gilt gerade für den Zeitplan. Denn wer Auf- und Abstieg gut kalkuliert, vermeidet Zeitdruck, einen der gefährlichsten Faktoren am Berg.

Und noch etwas muss man bedenken: Je nach Jahreszeit und je nach Wetterlage können sich die Verhältnisse auf einer Tour grundlegend verändern. Altschneefelder im Frühjahr auf Nordseiten, nasse Wurzeln nach Regen oder ein plötzlicher Temperatursturz – was in der Literatur als „einfacher Bergweg“ beschrieben ist, kann bei schlechten Bedingungen zur Herausforderung werden.

Zudem machen sich die Folgen des Klimawandels bemerkbar. Das Auftauen des Permafrosts und die steigende Null-Grad-Grenze führen in den Alpen geradezu zwangsläufig zu mehr Stein- und Eisschlag, zu Murenabgängen, die Wege wegreißen und Routen unpassierbar machen. Auch das muss man berücksichtigen, wenn man eine Tour plant.

Wer unterwegs ist, erkundigt sich am besten auf den Hütten bei den Wirtsleuten, wie die Wegverhältnisse aktuell sind. Und wenn man trotzdem einmal vor einer Wegsperrung steht, dann sollte man eines auf gar keinen Fall tun: die Sperrung ignorieren.

Und da ist noch etwas, auch wenn es beinahe trivial klingt: Wer mehrere Tage unterwegs ist, muss vorab klären, ob die Hütten, auf denen man übernachten will, geöffnet sind. Und ob sie noch freie Schlafplätze haben.

Genauso wichtig: der Plan B. Erfahrene Berggeher versuchen schon beim Vorbereiten, Alternativrouten einzuplanen. Damit lässt sich unterwegs noch einmal prüfen, ob man nicht besser auf eine einfachere Variante ausweicht. Die Gründe dafür können ganz verschieden sein: weil das Wetter umgeschlagen ist, weil sich der Zeitplan verzögert hat, weil die Tagesform nicht passt oder warum auch immer. Wer dann einen Plan B hat, ist entspannter unterwegs.

Schließlich muss in der Vorbereitung noch ein wichtiger Punkt geklärt werden: Welche Ausrüstung brauche ich? Klar, da hängt vieles davon ab, was für eine Tour geplant ist. Dass eine Hochtour auf einen Drei- oder Viertausender eine andere Ausrüstung erfordert, als eine einfache alpine Wanderung, versteht sich von selbst. Gute Bergschuhe, die passen und eingelaufen sind, gehören auch beim Bergwandern dazu. Knöchelhoch sollte der Schuh schon sein, im Schneefeld oder im Geröll ist das ein echter Sicherheitsgewinn.

Ein deutliches Mehr an Sicherheit bringen Trekkingstöcke. Vor allem an ausgesetzten, schwierigen Passagen helfen sie, das Gleichgewicht zu halten und kontrollierter Tritt zu fassen. Außerdem schonen sie, gerade beim Bergabgehen, die Gelenke und tragen ganz grundsätzlich dazu bei, die konditionelle Belastung auf Arme und Beine zu verteilen.

Ein Rucksack ist dann richtig gepackt, wenn man hinterher jedes Teil gebraucht hat – sonst hat man Dinge nur unnütz durch die Berge getragen. Selbst wer mehrere Tage wandern will, sollte den Rucksack so packen, dass er nicht mehr wiegt als acht bis zehn Kilo. Zumindest ist das ein brauchbarer Richtwert.

In jedem Fall aber gehören ins Gepäck: Regenjacke und -hose, Handschuhe und Mütze, Erste-Hilfe-Set, Stirnlampe, Biwaksack oder Rettungsdecke, Powerbank mit Smartphone. Und natürlich genügend Wasser und Proviant. Und wer mit Schnee rechnen muss, packt vielleicht auch zusätzlich Grödeln ein.

© Foto: Tobias Eckert
© Foto: Tobias Eckert

Wenn man unterwegs ist

Auf der Tour selbst gilt: gemächlich starten. Einmal übersäuerte Muskeln erholen sich schlecht. Pausen macht man, bevor man müde wird. Sie sind auch eine gute Gelegenheit, noch einmal einen Blick auf die Karte, analog oder digital, zu werfen.

Ganz wichtig: Vor dem Aufbrechen sollte man unbedingt noch einmal auf die aktuelle Wetterprognose schauen und dann unterwegs beobachten, wie sich das Wetter entwickelt. Gewitter entstehen in den Alpen oft lokal und schnell, selbst bei sorgfältiger Planung kann man in ein Unwetter geraten. Deshalb gilt: zeitig aufbrechen, damit man spätestens am frühen Nachmittag den Gipfel hinter sich hat, denn die Gewitterneigung nimmt im Tagesverlauf stark zu. Besonders zwischen Mai und August drohen Hitzegewitter, die eine böse Überraschung sein können.

Übrigens, früh aufbrechen muss man vor allem auch im Frühjahr oder im Herbst, wenn die Tage kürzer sind. Auch die Fahrpläne von Bergbahnen können das Timing diktieren. Wer schon einmal die letzte Talfahrt verpasst hat und dann absteigen musste, wird danach aufmerksamer auf die Uhr schauen.

Große Vorsicht erfordern gerade im Frühsommer Altschneefelder. Immer wieder kommt es zu Unglücken, weil viele unterschätzen, wie schnell man ausrutschen kann oder wie leicht man die Orientierung verliert, weil Wegmarkierungen noch verdeckt sind vom Schnee. Da stellt sich dann auch schon mal die Frage: weitergehen oder umkehren?

Auch wenn eine Bergtour noch so gut geplant ist – eine Garantie, dass alles problemlos abläuft, ist das nicht. Passieren kann immer etwas. Das muss nicht gleich ein schlimmer Sturz sein, schon ein umgeschlagener Knöchel kann in den Alpen böse Folgen haben. Dann gilt in ganz Europa die Notfall-Nummer 112; zusätzlich in der Schweiz 1414 (im Wallis 144).

Aber dazu muss es ja nicht kommen. Bergwandern in den Alpen ist mit guter Vorbereitung eine der schönsten Outdoor-Aktivitäten, die die Gegend zu bieten hat. Und mit jedem Jahr wird man ein bisschen erfahrener, sicherer und gelassener. Doch neben Umsicht und Erfahrung ist noch etwas hilfreich in den Bergen: Mut – der Mut nämlich, eine Tour auch einmal abzubrechen und umzukehren.

Ulrich Rose

© Foto: Daniel Hug
© Foto: Daniel Hug

Für alle, die selbständig auf Tour gehen wollen,
bietet unsere Sektion ein breitgefächertes Angebot, um Bergwanderungen  eigenständig, verantwortungsvoll und mit dem nötigen Risikobewusstsein zu planen. Dazu zählen etwa der „Grundkurs alpines Wandern“, Themenabende zur „Tourenplanung“ oder der Kurs „Vom Wandern zum Bergwandern“.

Außerdem bietet der DAV zum Thema Bergwandern und Tourenvorbereitung im Internet ausführliche Informationen. Ein guter Einstieg findet sich hier: https://www.alpenverein.de/artikel/bergwandern-so-geht-das_a4d75757-a8f4-4312-ba9f-b4e2f19a57cb

Wer lieber in Büchern stöbert, wird hier fündig (das Buch kann in der Bibliothek der Sektion ausgeliehen werden): „Bergwandern – Trekking. Alpin-Lehrplan 1“ von Andreas Dick und Dirk Schulte.
Rother Bergverlag, 8., vollständig neu bearbeitete Auflage 2024.

© Foto: Wolfgang Ehn
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