Wanderabenteuer im Mittelmeer
13 Tage auf dem GR 20 quer durch Korsika
Der Wind drückt kalt über den Grat, obwohl die Sonne bereits über den Bergen Korsikas steht. Unter den Schuhen nur Granit, links und rechts fallen die Hänge steil in die Täler ab. Der Weg vor uns ist kaum mehr als eine rot-weiße Markierung zwischen Felsblöcken. Noch elf Tage liegen vor uns. Spätestens hier wird klar: Der GR 20 hält, was er verspricht.
Wir starten zu zweit im kleinen Ort Calenzana im Nordwesten Korsikas. Unser Ziel ist die vollständige Begehung des GR 20 bis nach Conca im Süden der Insel – rund 180 Kilometer und etwa 12.000
Höhenmeter in 13 Tagen. Der GR 20 gilt seit Jahren als einer der anspruchsvollsten Fernwanderwege Europas. Weniger wegen seiner Länge als vielmehr durch das Gelände: technische Passagen, blockiges Terrain und lange Etappen fordern durchgehend Konzentration und Trittsicherheit.
Bereits die ersten Tage zeigen den Charakter des Weges. Besonders im nördlichen Teil wechseln sich ausgesetzte Grate, steile Felsstufen und kurze Kletterpassagen ständig ab. Viele Abschnitte sind weniger klassisches Wandern als vielmehr ein permanentes Auf und Ab über Granitblöcke. Stöcke verschwinden häufig am Rucksack, stattdessen kommen die Hände zum Einsatz.
Gleichzeitig ist die Landschaft beeindruckend abwechslungsreich. Schroffe Gipfel wechseln sich mit Bergseen, Kiefernwäldern und weiten Blicken bis zum Mittelmeer ab. Trotz der Nähe zur Küste
wirkt das korsische Hochgebirge vielerorts erstaunlich rau und abgeschieden.
Am vierten Tag schließt sich uns ein weiterer Freund aus Südbaden am Col de Vergio, einer der wenigen Punkte auf dem GR 20, welchen man über eine Straße erreicht, an. Es ist also auch möglich,
die Wanderung zu kürzen oder auch nur Abschnitte zu machen. Auf dem GR 20 trifft man viele unterschiedliche Wanderer und Gruppen, manche gehen die Route in sieben Tagen, zehn Tagen oder auch über zwei Urlaube verteilt den nördlichen und den südlichen Teil separat. Wir hatten uns für 13 Tage entschieden, um genug Zeit zu haben, die Landschaft auch auf uns wirken zu lassen, mal kürzere Etappen wegen Wetterumschlag in den Bergen zu machen und auch an vielen unterschiedlichen Refuges zu übernachten. Der aktuelle Rekord liegt übrigens bei 30 Stunden und 25 Minuten.
Übernachtet wird meist an den Refuges oder Bergeries entlang der Route, eine größere Stadt oder Ortschaft durchquert man auf der Wanderung nicht. Genau diese Reduktion auf das Wesentliche macht
jedoch einen Teil der Erfahrung aus. Hinweis: Wildcampen ist auf Korsika strikt verboten.
Tipp:
Bei der Planung der Route empfiehlt es sich, die Zeltplätze oder Übernachtungsmöglichkeiten vorher online zu buchen, sollte man mal einen Tag vorher oder nachher ankommen, ist dies jedoch auch
kein Problem. Mehr Infos zur Buchung und auch zu den offiziellen 16 Etappen gibt es unter: https://pnr-resa.corsica/
Wir hatten zwar einen Großteil unserer Verpflegung dabei, jedoch gibt es eigentlich an jeder Bergerie die Möglichkeit, Verpflegung zu kaufen oder auch mal eine warme Mahlzeit einzunehmen. Natürlich muss man mit etwas erhöhten Preisen rechnen, da die Lebensmittel oft via Helikopter zu den Berghütten geflogen werden. Selbst den Gaskocher könnte man theoretisch zu Hause lassen, es gibt an den
Plätzen meistens mindestens zwei Gas-Kochstellen.
Dieses Angebot bietet vor allem Menschen, welche nicht so schwere Rucksäcke tragen können, die Möglichkeit, den GR 20 zu wandern.
Nach dem technisch anspruchsvollen Norden verändert sich der Charakter des Weges im südlichen Teil spürbar. Die Etappen werden teilweise länger, die Wege flüssiger und die Landschaft weiter.
An manchen Stellen habe ich mich gefühlt wie in Szenen der alten Winnetou-Filme.
Was für mich den GR 20 so besonders gemacht hat, ist die Mischung aus körperlicher Anstrengung und der landschaftlichen Vielfalt, die Gespräche mit den Einheimischen, die Begegnungen mit Menschen von überall auf der Welt und das Gefühl der teilweisen Abgeschiedenheit und Wildheit der korsischen Berge.
Die Grande Randonnée 20, wie der GR 20 ausgeschrieben heißt, verlangt Ausdauer, Trittsicherheit und eine gewisse Leidensfähigkeit. Gleichzeitig bietet sie genau das, was viele am alpinen Unterwegssein suchen: intensive Naturerlebnisse, Konzentration auf das Wesentliche und das Gefühl, über viele Tage vollständig draußen zu sein.
Text und Fotos - Marius Müller
Die komplette Begehung des GR 20 habe ich filmisch begleitet. Über den QR-Code kann die Wanderung zusätzlich auf YouTube angesehen werden.